Die Unstrut

Die Unstrut entspringt westlich von Kefferhausen im Eichsfeld, berührt die thüringer Städte Mühlhausen, Bad Langensalza, Sömmerda, durchquert ein Stück des Thüringer Beckens und tritt zwischen den Höhenzügen der Hohen Schrecke und des Ziegelrodaer Plateaus in die Weite eines fruchtbaren Tales ein. Bei Memleben verengt sich dieses Tal, es folgt der wohl abwechslungsreichste Teil des Flussverlaufes.

Nach etwa 190 km Länge mündet die Unstrut zwischen Kleinjena und Naumburg in die Saale. Die Unstrut ist der Hauptvorfluter des Thüringer Beckens und seiner Umrandung und der wasserreichste Nebenfluss der Saale.

Der Flussverlauf ist sehr abwechslungsreich, mal ein bißchen romantisch, mal langsam und träge, dann wieder eingezwängt in ein enges Korsett der Muschelkalk- oder Sandsteinberge. Begünstigt durch die Südlage vieler Hänge erschließt die Unstrut das bekannteste Weinanbaugebiet Ostdeutschlands, durch das die 13. deutsche Weinstraße führt.

Der Name der Unstrut lautete um 575 "Onestrudis", im 7. Jh. "Unestrude" und 994 "Vnstrod". Der Name ist germanischen Ursprungs: Die Vorsilbe "un" (= gewaltig) und das germanische "strödu" (= Sumpfdickicht) bedeuten also soviel wie gewaltiges Sumpfdickicht, was auf den natürlichen Zustand der Unstrutniederungen hindeutet.

Bereits 1612 wurde die Schiffahrt auf der Unstrut erwähnt. Herzog Ernst I., der Fromme, von Gotha-Altenburg (1601-1675) war am Fernhandel interessiert und versuchte 1658-1672 den sächsischen Kurfürsten Johann Georg II. als damaligen Territorialherren für einen Plan zu gewinnen, der die Schiffbarmachung der Unstrut und Saale vorsah. Die sächsischen Räte sahen jedoch eine Begünstigung von Naumburg gegenüber ihrer Handelsstadt Leipzig, was diesen Plan zunächst scheitern ließ.

Kriegs- und Magazintransporte im Bayrischen Erbfolgekrieg zwischen Preußen und Österreich 1778/79 ließen die Überlegungen zur Schiffbarmachung der Unstrut wieder aufkommen. Der sächsische Kurfürst Friedrich August III. bestimmte 3 Mill. Taler zur "Landverbindung der sächsischen Flüsse unter sich". Joh. Friedrich Mende, bergmännischer Wasserbauer, wurde am 31.12.1778 mit den Untersuchungen über die Schiffbarmachung der Unstrut und der anschließenden Saalestrecke bis Weißenfels beauftragt; am 19.1.1790 mit der Erarbeitung eines ausführlichen Bauplanes und im Dezember mit der technischen Leitung der Kanalisierung der Strecke.

Seit dem Frühjahr 1791 führten bis zu 2000 Beschäftigte die Ausbauarbeiten für eine Mindesttiefe von 0,8 m durch und errichteten 12 Unstrut- und 3 Saale-Schleusen. Die gesamte Ausbaustrecke umfaßte 71,4 Unstrut- und 17,8 Saale-Kilometer. Am 8.4.1795 wurde die Schiffahrt freigegeben, am 3. Juli legte der erste Lastkahn an der Saline in Artern an.

Mit dem Übergang der unteren Unstrut an die preußische Provinz Sachsen 1815 und der Schiffbarmachung der ebenfalls preußisch gewordenen Saale zwischen Weißenfels und Halle 1818-22 nahm der Schiffstransport ständig zu. Die Schiffe transportierten vor allem Nebraer Sandstein, bearbeitete Werksteine, Freyburger Kalkstein, Salz von Artern, Braunkohle von Edersleben sowie Getreide, Rüben, Heu, Stroh und Holz.

Die Schiffe wurden stromauf durch Treideln und bei günstigem Wind unter Beihilfe des Segels befördert. Stromab ließ man die Schiffe treiben, bzw. unterstütze deren Fortbewegung durch Staken. 1888 war ein Dampfschlepper zwischen Laucha und der Unstrutmündung im Einsatz. Im gleichen Jahr gab es an der Unstrut 56 Schiffseigner mit 60 Kähnen. Die kleinen Kähne der ansässigen Unstrutschiffer hatten meist eine Tragfähigkeit von 6 bis 60 t, während die großen Kähne bis zu 42 m lang waren und 150 t Tragfähigkeit besaßen.

Anstelle von Häfen gab es laufende Meter Ladeplätze (z.B. 1912 waren es 5351 m). Im Jahre 1881 war der stärkste Schiffsverkehr mit 150.209 t Schiffsfracht. 1882-95 wurde die Unstrut-Wasserstraße rekonstruiert, dabei die Tauchtiefe verbessert und 11 Durchstiche führten zur weiteren Begradigung.

Mit der Inbetriebnahme der Eisenbahnstrecke Naumburg - Artern am 1.10.1889 ging die Unstrutschiffahrt stark zurück. Bereits 1912 existierte keine Werft mehr; 1937 gab es nur noch 11 Unstrutkähne. Mitte der 50-er Jahre hatte auch der Kalk- und Rübentransport aufgehört, und so verlor die Unstrut ihre wirtschaftliche Bedeutung. In unserem Jahrhundert wurde der Frachtschiffsverkehr ganz eingestellt und seit 1967 wird die Unstrut offiziell nicht mehr als Wasserstraße geführt.

Die Geschichte des unteren Unstruttales ist auch geprägt von Überschwemmungen. Aus dem Jahre 1746 ist bekannt, dass das Hochwasser ellenhoch auf den Wiesen stand und das ganze Jahr darauf blieb, die angrenzenden Äcker unbrauchbar waren und die Tiere auf den Weiden erkrankten. Das zweithöchste bekannte Hochwasser war im Sommer 1871 und überflutete den Sommerdeich zwischen Heldrungen und Memleben.

Weder die Wasser- und Mühlenordnung von 1653 noch die Anlage von Poldern in der Flur einzelner Orte oder die Ende des 18. Jh. gegründete Lossagraben-Sozietät vermochten Grundlagen zur Entwässerung der Böden schaffen. Erste Hilfe brachte die Unstrutregulierungs-Sozietät 1857.

Im Frühjahr 1956 wurden 20.000 ha Wiese und Acker überschwemmt. Als das Wasser abgezogen war, ließen starke Regenfälle im Juli die Unstrut und ihre Zuflüsse erneut über die Ufer treten. Das Tal zwischen Sachsenburg und Laucha glich 4 Wochen lang einem See von teilweise bis zu 2 km Breite. Deshalb erfolgte nach dem erneuten Frühjahrshochwasser 1957 ein Sofortprogramm der DDR-Regierung für den Hochwasserschutz im Unstrut-Helme-Gebiet. Der auf das gesamte System abgestimmte Gewässerausbau, kombiniert mit mehreren Hochwasserrückhaltebecken an den Zuflüssen, gewährleistet einen gefahrlosen, ökonomisch vertretbaren Hochwasserabfluss. Eine Voraussetzung dafür war die Nichtwiederaufnahme der Unstrutschiffahrt und der Wasserkraftnutzung. Der Fluss wurde vielerorts begradigt und die Schleusen zugeschüttet oder vollständig beseitigt. Auch danach gab es noch extreme Hochwasser, z.B. 1994.

Heute werden große Anstrengungen unternommen, um die noch vorhandenen technischen Anlagen zu rekonstruieren und dem sanften Tourismus zu erschließen. Die Schleusen in Freyburg, Zscheiplitz, Laucha, Tröbsdorf und Wendelstein sind wieder funktionsfähig und für Sportboote passierbar. Auch in Thüringen wurde die Schleuse Ritteburg erneuert. Außerdem sind einige Ein-/Aussetzstellen und Rastplätze für die muskelgetriebenen Bootstouristen fertiggestellt worden.

Siedlungen, Burgen, Schlösser und Parks, Weinberge, Anlagen handwerklicher und industrieller Produktion, wie Wind- und Wassermühlen, die als Museum erhaltene Glockengießerwerkstatt und Anlagen des Verkehrs, wie Brücken, Dämme, Wehre lassen das Unstruttal zu einer einheitlichen Kulturlandschaft werden. Die zur Straße der Romanik gehörende Neuenburg in Freyburg und die Klosterruine in Memleben, der Fundort der Himmelsscheibe von Nebra mit dem Erlebniscenter in Wangen, die Weinstraße, das Terassenschwimmbad auf der Altenburg in Nebra, das mit Sonnenenergie beheizte Freibad in Freyburg sowie die Ausflugsdampfer "Fröhliche Dörte", "Reblaus" und "Unstrutnixe" sind Anziehungspunkte für Besucher aus nah und fern. Vor allem für Wanderer, ob zu Fuß, per Rad oder mit dem Boot, ist die Unstrut mit ihrer reizvollen Umgebung eine Reise wert. Man kann sich hier gut erholen und vieles erkunden.



© Sabine Spohr 1998 - 2012  22.04.2012